Zeitreisen, Teil 2 – SXSW Interactive 2010

…und die Reise setzte sich fort mit der Webkonferenz SXSW (South by Southwest) Interactive in Austin/Texas. Wo stehen die digitalen Medien 2010?

14 Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal an der SXSW Interactive teilnahm. Da sprach man mit euphorischem Timbre von „Business Plan“ und „Going Public“. Aber ich will jetzt nicht von alten Zeiten und der wunderbaren Aufbruchstimmung des DotCom-Hypes schwärmen. Der Kater beim Ausnüchtern war zu heftig.

Aufbruchstimmung herrscht bei der SXSW heute noch, auch wenn man sich nicht mehr gar so hemmungslos den Verführungen der neuen Buzzwords hingibt. Die Veranstaltung ist seit 1996 gewaltig gewachsen. Die Panels fächern eine breite Themenpalette von Code, zum Datenschutz, über Social Media-Praxis, -kultur, -Business zu Webdesign und Medien-Management-Themen auf. Besonders herzerfrischend:  In der Abteilung „Love & Happiness“ die Session „Kicking Recession Ass With A Killer Company Culture“.  Diese Selbstironie kann sich SXSW erlauben.

Auch die allgegenwärtigen Twitteraddicts und die mitunter kritiklos scheinende Social-Media-Euphorie haben ihre irritierenden Aspekte.  Das sind aber Hintergrundgeräusche.

Die Schlussfolgerungen aus fünf informationsgepackten Konferenztagen fasse ich unvollständig und verkürzt in drei Punkten zusammen:

  1. Neue User-Interaktionsweisen auf Social-Media–Plattformen erlauben neue Formen des Marketings, ein kundenbindungssteigerndes CRM und neue Kundenservices für Zielgruppen, deren Mediennutzungsverhalten sich dramatisch verändert. Damit verändert sich die Auseinandersetzung mit dem Kunden/Leser/User grundlegend. Zwischengeschaltete Instanzen wie Callcenters oder Buchhändler werden ergänzt von Kundenberatern, die grosse Usergruppen persönlich bspw. via Twitter oder Fanpages betreuen und dabei den Regeln der Webkultur folgen. Brand-Management ist in der Folge dezentralisiert und nur bedingt kontrollierbar. Die Fähigkeit zur direkten Interaktion mit Kunden/Usern/Lesern ist ein elementarer Baustein der Markenführung. Ohne direkte Kommunikation keine Möglichkeit der raschen Einflussnahme.
  2. Die Bereitschaft und Fähigkeit zur raschen Adaption neuer Technologien und Integration in bestehende Umgebungen und Prozesse sind ausschlaggebend, um Effizienz und Effektivität in Einklang zu bringen.
  3. Jeder ist ein Journalist oder Autor. Das monetarisierbare Wertesystem strukturiert sich neu. Content ist ein möglicher Wert, Reichweite, Userschaft oder das Medium an sich können ebenso wertbildend sein. Das Business der Medienhäuser ist Service. Content ist eine Facette in der Mixtur anderer tragender Elemente. Die Hauptumsatzströme Paid Content und Advertising reduzieren sich und werden ersetzt durch eine Diversität traditioneller, neuer oder auch nur kurzlebiger Erlösquellen.

Die Panelisten der SXSW brachten eine Fülle von Beispielen aus ihren Verlagshäusern und aus anderen Industrien, in denen sich diese Einsichten durch Praxis manifestiert haben. Kein Panelist spricht ernsthaft von einer „Killerapplikation“, einem „Killerprodukt“ oder einem „Killer-Geschäftsmodell“.

Engagement bei der Gestaltung einer Transformation, die Euphorie des Experimentellen und die Disziplin zur Expertise bestimmten das Bild der Konferenz.

Die Reise führte mich nicht in die Zukunft der Medien. Sie wies aber den Weg.

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