Design- und Usability-Checkliste für E-Publikationen

Worauf kommt es bei einem Design-Briefing für E-Books oder interaktive Bücher an? Welche Maßstäbe gelten bei der Beurteilung einer Benutzeroberfläche? Intuitiv haben auch Techniklaien ein Verständnis davon, ob eine Benutzerführung funktioniert und oder ob sie eher Verwirrung stiftet, aufregt oder altmodisch wirkt. Die folgende Checkliste soll helfen, diese Wahrnehmungen zu konkretisieren und Punkt für Punkt zu analysieren.

User-Experience

Beim Testen der Benutzererfahrung (user experience) unterstützt folgender Fragenkatalog:

  • Werden irgendwo „umständliche“ Aktionen erforderlich?
  • Gibt es Restriktionen, die stören? (Beispielsweise Passwörter mit mindestens 8 Zeichen, die ein Sonderzeichen enthalten müssen. Oder Telefonnummern in einer bestimmten Schreibweise.)
  • Sind die Kommandos und Handlungsaufforderungen, Erklärungen und Fehlermeldungen auf der Benutzeroberfläche intuitiv verständlich?
  • Tauchen Systemmeldungen auf, die nicht für den Benutzer gedacht sind?
  • Enthalten Dialoge oder Formulare Default-Werte (voreingestellte Werte), die einem die Entscheidung vereinfachen oder Benutzerfehler vermeiden helfen?
  • Hat der User immer einen Überblick darüber, womit ein System beschäftigt ist und wielange es damit beschäftigt ist? (Beispiel: suchen, installieren)
  • Sind in Formularen oder in Dialogen Interaktionselemente wie Textfelder, Radiobuttons, Checkboxen, Drop-Down-Menüs etc. logisch, konsistent und effizient eingesetzt worden? (Beispiele: Runde Radiobuttons lassen sind für Entweder-/Oder-Angaben gedacht, während die viereckigen Checkboxes in der Regel Mehrfachauswahlen zulassen. Textfelder dürfen keine Angaben für den User enthalten, sondern nur Angaben vom User. Textfelder sind ungeeignet, um strukturierte Information zu erfassen.).
  • Sind Begrifflichkeiten konsistent verwendet worden oder haben unterschiedliche Aktionen gleiche Namen bzw. gleiche Aktionen unterschiedliche Namen?

User-Orientierung

Übersichtlichkeit spielt eine wichtige Rolle, will man beim Benutzer das Gefühl einer Überforderung vermeiden. Hier ist zu beachten:

  • Weniger ist manchmal mehr: Funktionsvielfalt darf nicht die Übersichtlichkeit unterminieren.
  • Das Gleiche gilt für verschiedene Access-Modelle. Zuviele unterschiedliche Optionen verwirren den Benutzer.
  • Gewichtung: Funktionen und Inhalte sollten nach Prioritäten aufbereitet sein. Weniger wichtige Funktionen oder Inhalte können über die Links Weitere… oder einen Button Erweitert bzw. Mehr in Sub-Ebenen verschoben werden.
  • Wird er User mit sich automatisch verändernden Cursor-Formen, plötzlich aufpoppenden Fenstern oder dynamischen Menüs verwirrt? Dynamische Menüs sind Menüs, deren Zusammensetzung sich je nach Arbeitskontext ändert. Für den Benutzer ist dies kaum nachvollziehbar. Hier sollte man beispielsweise mit unterschiedlichen Kontrasten für aktive oder inaktive Befehle arbeiten.
  • Tabs (Register) sollten nur zur Navigation verwendet werden und nie Befehle enthalten.
  • Tabs sollten in ihrer Anzahl reduziert werden, sonst werden sie zu schmal. Dies hat zur Folge, dass der darin enthaltene Text abgekürzt werden muss oder zweizeilig angeordnet wird. Beides ist für den Benutzer unübersichtlich.
  • Verwendete Kommandos sollten möglichst reduziert werden auf die bereits bekannten Begriffe wie Öffnen, Neu, Bearbeiten, Klicken, Löschen, Kopieren, Drucken. Alternativen wie Auswählen, Erstellen, Modifizieren, Anfordern, Eliminieren etc. sind zwar noch verständlich, aber nicht so intuitiv mit einer Aktion verknüpfbar.
  • Oft benutzte Features sollten möglichst einfach und kurz gehalten werden.
  • Zu viele Elemente, die um Aufmerksamkeit konkurrieren, sind kontraproduktiv.

Interkativität

Besonders interaktive Elemente, bei denen Benutzer Angaben machen müssen, können zu einer echten Strapaze werden. Auch hier kommt man mit etwas Aufmerksamkeit auf folgende Punkte weiter:

  • Auf übersichtliche, konsistent verwendete Interaktionselemente kommt es besonders an.
  • Unnötige Datenabfragen sollte man vermeiden und statt dessen mit Deduktion arbeiten (beispielsweise genügt die Eingabe der Postleitzahl, um zu wissen, in welchem Bundesland der User lebt).
  • Wirklich benötigte Information sollte deutlich unterscheidbar von optionaler Information sein.
  • Wiederholtes Einloggen stört die Interaktion mit dem Formular.
  • Sinnlose Auswahlen und Optionen nerven, bspw. das Anbieten einer Auswahl-Option, wenn es ohnehin nur eine einzige Option gibt. (Beispiel: Es gibt nur einen Flughafen in Bremen, wieso dann den einzigen Flughafen nochmals anklicken?)
  • Formulare sollten eine kompakte Ansicht bieten, damit der User nicht hin- und her-scrollen muss. Vor allem sollte der User nicht in die Horizontale scrollen müssen, sondern nur in die Vertikale.

Umgang mit Text

  • Im Hinblick auf die Übersichtlichkeit von Text ist der einfache Grundsatz zu verfolgen: Liefere Informationen, nicht einfach Daten.
  • Ein Informations-Output (beispielsweise die Ergebnisliste einer Suche) sollte wichtige Informationen von unwichtigen trennen.
  • Texte sollten schnell lesbar gehalten werden (scanbar). Kurze Sätze und Blickfangpunkte unterstützen diese Anforderung.
  • Die Anordnung von Informationseinheiten sollte dem Fokus des Benutzers folgen: wichtiges groß, unwichtiges klein, neue Information oder Aufforderungen nach oben, Redundanzen eliminieren.
  • Wichtige Information sollte hervorgehoben werden, beispielsweise durch Schriftgröße, Schriftfarbe, Hintergrund.
  • Verlinkter Text sollte kurz gehalten werden.
  • Wiederholungen beim Setzen von Links im Text sollte man vermeiden.
  • Text muss gut lesbar sein. Hier gilt der Grundsatz: Match the Medium. So ist eine Typo für hochauflösende Bildschirme inzwischen Standard, während Produkte für kleine, mobile Endgeräte wieder anderen Anforderungen genügen müssen. Deshalb ist beispielsweise die Reflexion über die Arbeitsbedingungen der Benutzer in der Task-Analyse wichtig.

Responsiveness

Ein Interface-Design darf die Aufmerksamkeitsspanne des Benutzers nicht strapazieren. Diese Spanne ist extrem kurz, nicht über 10 Sekunden. Die Fähigkeit eines User-Interface – egal ob Web oder Software – den User aufmerksam zu halten, wird Responsiveness genannt. Hier spielt Geschwindigkeit eine bedeutende Rolle. Nichts bringt User mehr aus der Fassung als reaktionslahme, langwierige Operationen, die keinen Aufschluss über die Dauer geben und keine Möglichkeit zum Abbruch bieten (siehe oben). Deshalb ist an dieser Stelle zu beachten:

  • Es sollte mit Status-Angaben gearbeitet werden, wenn eine Operation länger dauert.
  • Jede Operation sollte abgebrochen werden können.
  • Ein Reload einer Seite sollte wieder zur alten Arbeitsposition auf dem Bildschirm zurückführen (beispielsweise in Formularen).
  • User-Aktionen sollten sofort erkannt werden.
  • Wenn eine Software oder Website mit irgendetwas beschäftigt ist, muss der User dies erkennen können und in dieser Zeit ggf. etwas anderes tun dürfen.
  • Fehlermeldungen sollten immer eine Anweisung geben, was zu tun ist. Dies gilt auch bei fehlerhaften Benutzereingaben in Formularen. (Beispielsweise statt „Password invalid“: „Ihr Passwort enthält zu wenige Buchstaben. Wir benötigen mindestens 8 Buchstaben. Bitte wählen Sie ein neues Passwort.“)
  • Den Benutzer als User anzusprechen, ist ebenfalls ungeschickt. Beispielsweise liest sich „Kunden-Login“ verständlicher als „User-Login“, wobei das Wort Login auch nicht ideal ist. „Mein Konto“ oder „Besucher-Registrierung“ sind verständlicher als „User-Account“.

Navigation

Die Navigation innerhalb einer Software oder Website wird nicht nur über Navigationsleisten und Tabs gesteuert. Ganz im Gegenteil: Die so genannte content-related Navigation spielt meist eine zentralere Rolle als die Navigation. Deshalb übernimmt die Redaktion hinsichtlich der Benutzerführung eine wichtige Rolle, die Anforderungen an die Einschätzung des Informationsbedürfnis eines Benutzers im Kontext stellt. Für das Interface-Design gibt es jedoch einige grundlegende Regeln:

  • Gewichtung: Wichtige Angebote zuerst, unwichtigeres in Sub-Ebenen (siehe oben).
  • Redundanzen in der Navigation vermeiden
  • Unleserlichkeit der Navigation vermeiden
  • User in jeder Phase den Überblick ermöglich: Wo bin ich? Wo war ich? Wohin kann ich gehen? (Breadcrumbs)
  • Jedes Fenster, jede Website sollte einen gut lesbaren Titel aufweisen, der eindeutig ist. Bei Dialogen in Software ist dies beispielsweise die Befehlsfolge aus dem Menü (Beispiel: „Dokument drucken“). Bei Websites beispielsweise das Informationsangebot („Unsere Philosophie“).
  • Gleiche Titel für verschiedene Fenster sind verwirrend.
  • Rückwege (Zurück) oder nächste Schritte sollten einfach erkennbar sein (Weiter).
  • Selbstreferentielle Links (Selflinks) auf die bereits aufgerufene Webseite sind zu vermeiden.
  • Eine zentrale Rolle spielt die Suche bei der Navigation. Suchfelder müssen gut erkennbar sein und dürfen nicht verwirren. Beispielsweise sollte man konkurrierende Suchboxen vermeiden.
  • Suchergebnisse müssen den Prinzipien der Scanbarkeit, Reduktion auf wichtige Kerninformationen und einfacher Navigierbarkeit durch die Ergebnislisten folgen. Die Anzahl der Suchergebnisse sollte deutlich werden und jede Suchergebnisseite sollte über Seitenzahlen einzeln anklickbar sein. Die meist besuchten oder aktuellsten Seiten sollten weiter oben platziert werden, als uraltes Archivmaterial.

Buchtipp

GUI Bloopers 2.0: Common User Interface Design Don’ts and DOs

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