Kommentar zum Kongress der Deutschen Fachpresse 2011 – Veränderung beginnt im Kopf


„Etwas mehr Begeisterung, bitte!“ Das würde ich gerne so manchem Kollegen aus der Verlagsbranche auf den Weg geben. Klar, es gibt keine fertigen Rezepte. Sicher, die Situation ist komplex. Und zugegeben: Was sich letztlich durchsetzen wird, ist noch offen. Aber Begeisterung für eine Sache war schon immer der erste Motivator für die Entwicklung großartiger Ideen.

Stattdessen: „Sie haben doch noch nie in einem Verlag gearbeitet. Sie haben ja KEINE Ahnung!“ platzte es aus dem Auditorium anlässlich eines „Berater-Vortrags“ über die Chancen eines Medienwandels. Was für eine Entgleisung. Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Der Referent provozierte mit der Aufforderung, das etablierte auf Content basierende Geschäftsmodell der Fachverlage einfach einmal über Bord zu kippen und über ganz neue Chancen nachzudenken, die sich im Zuge einer neuen Netzkultur und neuer Technologien ergäben.

Wäre es naiv zu glauben, damit ohne Widerspruch davonzukommen? Wohl schon – dennoch: eine unerwartet heftige emotionale Reaktion brach sich Bahn, wobei diese in gewisser Weise typisch ist: Man quittiert irritierende Äußerungen, indem man dem Gegenüber Inkompetenz unterstellt. Das ist uns allen schon mal passiert. Menschlich durchaus nachvollziehbar. Aber in einem Auditorium unter Verlags-Profis? Fremdschämen…

Souverän ohne Provokationen auskommend dagegen der Vortrag von Dr. Ulrich Hermann (Vorsitzender der Geschäftsführung, Wolters Kluwer) am ersten Tag des Kongresses über seine Strategie „Vom Fachverlag zum Informationsdienstleister“. Die Veränderungen des Verlagshauses werden getragen von der aktuellen Medien- und Technologie-Entwicklung. Entsprechend spielt vor allem die technische Infrastruktur eine zentrale Rolle neben Innovationskraft bei der Produktentwicklung. Diese wurde schließlich auch belohnt bei der Verleihung der Auszeichnung „Fachmedien des Jahres“. Hier gewann das juristische Nachrichtenportal „Legal Tribune Online“ gleich in zwei Kategorien. Na also, geht doch.

Die Vielfalt neuer Herausforderungen auf dem Weg zu digitalen Produkten blätterte Dr. Hermann Riedel, Verlagsleiter beim Carl Hanser Verlag, auf. Plastisch stellte er in seinem Werkstattbericht über die neuen Workflows in einem Fachbuchverlag dar, dass die Prozesse selbst nur eine Facette eines umfassenden Change-Programms sind: Alles befindet sich gleichzeitig auf der To-do-Liste: Geschäftsmodell-Entwicklung, Personal-Entwicklung, die technische Infrastruktur, die Organisation und die eigene Fortbildung im verantwortungsvollen Management dieser fragilen Situation.

Dr. Riedel formulierte indirekt eine wichtige Erkenntnis, die auch schon im ersten Referat des diesjährigen Kongresses von Peter Gerdemann über die Change-Prozesse bei IBM Deutschland (Buch-Publikation: „Ändere das Spiel“) geäußert wurde: Veränderungsprozesse haben keinen definierten Endpunkt.

„Den Wandel nutzen – Geschäfte ausbauen“ lautete das Motto des diesjährigen Kongresses der Deutschen Fachpresse. Die Branche wandelt sich, was ich mit einer Skala visualisieren möchte (siehe Abbildung), die meine Einschätzung der Haltung vieler Fachmedienhäuser zu den Anforderungen der Digitalisierung widerspiegelt. An deren Anfang steht Ignorieren als erste Reaktion auf das Thema Internet in den 90er Jahren, gefolgt von Negieren, gefolgt von Verunsicherung (jetzt sind wir ungefähr im Jahr 2003), gefolgt vom Akzeptieren der Herausforderungen (ab 2008) und schließlich das aktive Change-Management am Ende der gedachten Skala.

Auf dieser Linie sehe ich im Rückblick auf den Kongress der Deutschen Fachpresse die Branche noch im Wesentlichen in der Phase zwischen Verunsicherung und allmählichem Akzeptieren, wobei sich das Fortschreiten auf dieser Skala erheblich beschleunigt.

Auch der Kongress selbst wandelt sich und verleiht diesem Willen nach Veränderung nicht zuletzt Ausdruck mit der Verlagerung des Tagungsortes von Wiesbaden nach Essen. Es braucht Mut, um mit neuen Themen, neuen Diskussionsformen, neuen Disziplinen (Stichwort IT) und neuen Produktkategorien zukünftige Kongresse zu gestalten, die die Veränderungen in der Fachmedienbranche nicht nur aufarbeiten, sondern Akzente für Orientierung setzen. Was es aber vor allem braucht: Die Euphorie des Aufbruchs in verlegerisches Neuland.

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