Buchmesse 2011: Wie wäre es mit Innovation durch Kooperation?

Verlage waten bei ihren Innovationsaufgaben häufig durch den Morast starrer Strukturen, die schnelle Transformation zu neuen Workflows und neuen Produkten ausbremsen.

Derweil erblüht eine neue, kreative Start-up-Szene, die einfach macht. Also Augen auf – neue Chancen für Kooperationen!

Lasse ich meinen ersten Buchmessetag Revue passieren, will ich gar nicht wieder davon anfangen, wie schwer sich doch die Branche damit tut, Innovationen anzugehen, während sich die digital Natives auch immer wieder in der Rolle der Nörgler gefallen. Beide Behauptungen sind letztlich in ihrer Pauschalität nicht haltbar. Jetzt also mal was anderes.

Es geht um diese mobilen Gadgets, die uns allen so viel Freude machen. Die legen den bisherigen Herausforderungen, die im Internet zu meistern waren, noch etwas drauf, denn der User wird wieder direkt adressierbar – beispielsweise via App-Nutzung – und sogar lokalisierbar. Das ist eine vielversprechende Zukunftsaussicht im Hinblick auf neue Erlösmodelle.

Was mir jeodoch gestern auf der Buchmesse wieder heftig bewusst wurde: der extreme Geschwindigkeitsunterschied bei der Entwicklung der Fähigkeit, digitale Workflows in traditionellen Verlagen zu implementieren und mit entsprechenden Produkten auf den Markt zu kommen, und der Welt der Start-ups außerhalb der klassischen Buchverlage, in der alles Mögliche erdacht und entwickelt wird.

Innovationsbremsen im Verlag

Die Entwicklungs- und Produktionsprozesse haben mehrere Hürden zu nehmen. Es beginnt mit dem richtigen Know-how der Mitarbeiter. Das lässt sich lösen, ebenso wie die Anschaffung neuer Technologien. Die Aneignung der Best-Practice  und die Koordination innerhalb des Produktionsteams und mit anderen Teams wie Lektorat oder Herstellung werden bereits zu einer aufzehrenden Angelegenheit. Und dann kommen da noch die vielen Kleinigkeiten am Rande, wie die Frage, in welcher Form Abrechnungsdaten von digitalen Auslieferungen in der Buchhaltung eintrudeln, wie Lizenzen effizient verwaltet werden und Bugfixing und Kundenservice für digitale Produkte organisiert werden können. Schnell ist man also über die Produktionsfragen hinaus geschossen und stellt fest, dass das, was vor 15 Jahren einmal als Diskussion über XML und Metadaten begann, inzwischen Herausforderungen im gesamten Unternehmen generiert – so das Fazit des Panels Mobile Workflows auf der gestrigen Buchmesse (Twitter: #fbm11). Das macht die Sache zäh. Keine Frage. Das haben Transformationen bestehender Strukturen so an sich.

Einfach machen – zwei Beispiele

Start-ups sind hier mit leichterem Gepäck unterwegs und realisieren einfach gute Ideen. Beispielsweise die Firma Mobile Melting aus Berlin, deren CEO, Lydia Horn, auf der Storydrive ihr Projekt storytude vorstellte. Es handelt sich dabei um ortsabhängige Unterhaltung, die per App an den Nutzer kommt. Als erste Projekte werden Audioreiseführer realisiert. Wenn man sich also in die Nähe des Hamburger Michels bewegt, kann man Daten zur Geschichte der Kirche abrufen. Sehr simpel. Augmented Reality in Audioform. Das Gleiche könnte man sich im beliebigen Medienmix vorstellen. Beispielsweise der Soundtrack zu Deiner Stadt, historische Fotos zu Deiner Stadt oder Literatur aus Deiner Stadt.

Hier komme ich zu einem Projekt, das Marion Schwehr mit Streetview-Literatur entwickelt hat. Autoren aus verschiedenen Städten schreiben Geschichten, die sich mit Orten verbinden lassen. Diese lassen sich auf einer Google-Karte nachvollziehen. Per App steht dieses Projekt noch nicht zur Verfügung, doch könnte ich mir vorstellen, dass dies nur eine Frage der Zeit, bis es soweit ist.

Dies sind nur zwei Beispiele. Es gibt viele mehr, von denen sich einige bereits auf der Buchmesse mit neuen Services im Umfeld Produktion und Vertrieb präsentieren. Ein großes, kreatives Feld liegt jedoch noch brach: die Entwicklung neuer Produkte für Leser und Geschichtenliebhaber, die durch Technologie erst ermöglicht werden. Hierfür habe ich nur zwei Beispiele ausgewählt.

Augen auf!

Wer die Augen aufhält, findet auf der Buchmesse Inspiration und potenzielle Partner, mit denen man nicht nur neuartige Ideen entwickeln kann, sondern die als agile Außenposten traditioneller Strukturen manche innovative Entwicklungsprojekte zügiger realisieren können als so mancher traditionelle Verlag. Diesen potenziellen Partnern fehlt es häufig an Finanzierung oder Content für ihre Ideen. Ideale Voraussetzungen für eine Win-win-Situation. Einzige Voraussetzung: Die Lasten traditioneller Verlagsstrukturen dürfen sich nicht auf eine Start-up-Kultur abwälzen. Das bremst und könnte teuer werden.

Wenn es die Buchmesse schaffen würde, ein Ort der Begegnung zwischen innovativen Start-ups und Leuten mit schrägen Ideen und traditoneller Buchbranche zu werden, wäre dies sicherlich befruchtend für alle Seiten. Die Sparks als „digitale Initiative“ der Frankfurter Buchmesse geht schon ein wenig in diese Richtung, ist jedoch eher dem Konferenz-Format verhaftet, schafft insofern wenig Spontaneität, Austausch und Podium für kleine, aber innovative Unternehmungen, um sich zu präsentieren und mit „der Branche“ ins Gespräch zu kommen.

Ein Gedanke zu „Buchmesse 2011: Wie wäre es mit Innovation durch Kooperation?

  1. Daniel Stolba

    Guter Ansatz. Ich erwähne dann einfach mal ganz schamlos unsere Trailerdatenbank, mit der sich Buchtrailer nicht nur in Webseiten sondern auch in Apps vollautomatisiert einbinden lassen. Die Spiegel Bestseller App nutzt diesen Service schon. Die Architektur unseres Video-Datenbanksystems ist so offen gestaltet, dass es von allen Web-, Moile- oder Desktopapplikationen genutzt werden kann, sofern mit EANs gearbeitet wird. Ich denke, es macht einfach Sinn, solche Infrastrukturen einmal zu entwickeln, möglichst offen zu gestalten und dann so vielfältig wie möglich zu nutzen.

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