Verschleißwort der Selbstpromotion: „Augenhöhe“

Auf Augenhöhe begibt man sich ja heutzutage gern in der Kommunikation. Das ist irgendwie in und „social“. Politisch mit dem Koalitionspartner, im öffentlichen Diskurs mit dem Wähler, im Unternehmen mit dem Mitarbeiter, im redaktionellen Konzept mit dem Leser und in der IT mit dem Anwender. Das ist schon mal ein netter Zug. Aber kein revolutionäres Konzept. Man spricht zur Zeit nur gerne darüber. Da mache ich doch beflissen mit.

Man gibt sich also Mühe und geht auf Augenhöhe. Konkret heißt das: Man lässt den/die anderen zu Wort kommen. Oder man behandelt ihn/sie zumindest nicht wie einen Volltrottel. Klingt nach Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht unbedingt, denn Kommunikation spiegelt Machtverhältnisse wider. Meist hat man sich in seiner Rolle auch schon recht wohl eingerichtet, ohne zu bemerken, dass da etwas mit der Augenhöhe in Schieflage geraten ist. Beispielsweise wenn Journalisten haarsträubende Texte mit infantilen Infoböxchen ohne Info produzieren oder bunte Bildchen mit der Intention im Text verteilen, diesen „leichter lesbar zu machen“ und „ein wenig aufzulockern“.  Wird der intelligente Leser so ernst genommen? Oder IT-Manager und Betriebsräte hecken verschwurbelte Betriebsvereinbarungen aus, in denen die Wörter „erlaubt“ und „verboten“ ein eigenwilliges und mitunter realitätsfernes Eigenleben entwickeln, und begreifen dies als einen Dialog „auf Augenhöhe“ – mit wem, frage ich mich nur. Schöner wäre eine gemeinsame Kommunikationsform in Augenhöhe mit den Betroffenen – den Mitarbeitern. Und nun zu Frau Merkel: Sie tönte im Fernsehinterview, dass sie beabsichtige, „auf Augenhöhe“ mit Opposition und FDP über den neuen Bundespräsidenten zu verhandeln und kassiert bald darauf eine klare, peinliche Ansage des Koalitionszwergs. Da lief wohl auch was schief.

Augenhöhe ist zur Zeit DAS Verschleißwort der Selbstpromotion – signalisiert die eigene Fähigkeit zum Perspektivwechsel, Offenheit, Dialogbereitschaft, Flexibilität. Und damit Führungsqualitäten. Dagegen ist nicht viel zu sagen, würde das Reden von „Augenhöhe“ idealerweise ein Handeln in Augenhöhe implizieren. Solche Beispiele entlarven den Begriff „Augenhöhe“ als präferierte Worthülse der Kontrollfreaks, die Machtverhältnisse manifestieren und gerne auch zu einem verkitschten Selbstbild neigen.

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