Viel zu beschäftigt für Innovation

Letztens schlich ich auf der Autobahn wieder einmal kilometerlang einem selbstversunkenen Linksfahrer hinterher. Die meditative Fahrweise gab mir Gelegenheit, zu diversen Szenarien in der Arbeitswelt abzuschweifen, in denen das Ausblenden anderer „Verkehrsteilnehmer“ ebenso selbstverständlich geworden ist.

Wie ich das meine? Ich zitiere zur Verdeutlichung einige beliebte Sätze aus meinem inzwischen langjährigen Arbeitsalltag: „Wir zentralisieren jetzt die Abteilung xy in ABC; das wird uns eine Weile eine Menge Arbeit machen, uns aber mittelfristig erhebliche Einsparungen bringen“, oder: „Wir optimieren Schritt für Schritt unsere Prozesse, damit wir unsere Kosten senken und dann in neue Geschäftsfelder investieren können“. Daran ist ja ersteinmal nichts Verwerfliches: Ressourcen-Bündelung und Prozessoptimierungen sind für jedes Unternehmen andauernde Basisanforderungen. Zu gerne werden diese Themen leider vernachlässigt, wenn es Unternehmen gut geht und es keinen Veränderungsdruck gibt.

Veränderung = Innovation?

Optimierungen an sich schaffen keine Innovationskraft. Sie können eine Voraussetzung für innovative Entwicklungen sein, aber häufig ist das Gegenteil der Fall: Unternehmen können sich auf derlei Art und Weise derart gut mit sich selbst beschäftigen, dass die Welt „da draußen“ vernachlässigt wird.

Beispielweise habe ich mal mit einem Verlag zu tun gehabt, in dem die Vorstellung vorherrschte, man müsse der Titelflut am Kiosk ebenfalls mit vielen Sonderheften und Line-Extensions begegnen. Eine rückblickende Ergebnisrechnung wies über das Jahr immerhin ein Plus von ca. 5.000 Euro aus. 5.000 Euro, für die die Redaktion Monat für Monat im Vergleich zu den vorhergehenden Jahren fast das Doppelte produziert hat. Ein Jahr, in dem man nichts unternommen hat, um neue Lösungen für Werbekunden oder Online-User zu entwickeln. Dringend benötigte Produktentwicklungsressourcen der Redaktion wurden aufgefressen vom Alltagsgeschäft, in dem man einen unaufhaltsam zusammenfallenden Kiosklesermarkt mit immer mehr Aufwand bediente.

Die Kundenperspektive ist die wichtigste Quelle für Innovation

Die wichtigste Voraussetzung für Innovationskraft hingegen ist genau diese Fähigkeit, nämlich eine konsequente Kundenperspektive einzunehmen. Eine umfassende Kundenperspektive schließt nicht nur die Bestandskunden ein, sondern alle Kundensegmente, die in dem Markt, in dem sich das Unternehmen bewegt, angesiedelt sind. Das erscheint nicht ganz einfach, wenn die Beschäftigung mit dem Alltagsgeschäft die ganze Aufmerksamkeit fordert. Wie häufig habe ich dann Sätze wie diese gehört:

  • Unsere Inhalte müssen ihre Qualität behalten.
  • Wir dürfen unsere Abonnenten nicht verprellen.
  • Was will denn unser Leser? Wir brauchen Marktforschung.
  • Facebook? Das ist nicht unser Kerngeschäft.

Klar, dies sind allesamt richtige Aussagen. Traurig ist nur, in welchem funktionalen Zusammenhang diese Sätze verwendet werden. Die ersten beiden Sätze sagen mehr oder weniger: „Veränderung ist Risiko –Finger weg!“, die beiden letzteren Aussagen zeigen, dass sich Medienmacher nicht mehr unbedingt in der Verantwortung sehen, sich ihren Lesern und potenziellen Usern an die Fersen zu heften, um herauszufinden, wie sie Informationen beschaffen und welche Funktionen diese in ihrem sozialen oder professionellen Umfeld erfüllen. Die Antworten sollen andere liefern. Das wiederum gibt neuen Playern im Markt Gelegenheit, sich mit innovativen Angeboten im Leser- und Werbemarkt zu profilieren.

Dieser Verlust der Kundenperspektive – das ist mangelnde Innovationskraft: Die Zahl tatsächlich bedienter Kunden schrumpft, während die Kunden dahin migrieren, wo ihre neuen Bedürfnisse besser bedient werden. Die Unfähigkeit zur Innovation ist nicht das Ausbleiben guter Ideen für neue Produkte. Es ist nicht der technologische Rückstand eines Unternehmens. Es ist nicht die Organisation. Es ist nicht der Alltagsstress. Es ist ganz simpel mangelnde Kundenperspektive.

Wenn ein Unternehmen nicht weiß, wohin es will, lässt es sich von Alltagsprioritäten treiben, mit sich selbst beschäftigt, immer in Bewegung, aber nur langsam voran kommend. Innovationsfähigkeit jedoch hat seinen Ursprung in einer Kundenperspektive und mündet in einer Vision.

Ein Beispiel für eine Vision findet sich in diesem Beitrag, der sich mit der Rolle von Visionen im Unternehmen befasst.

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