Werte

Unternehmen verordnen sich Werte: Klar, ein gemeinsames Verständnis von Regeln der Interaktion ist immer gut. Bei solchen Werten handelt es sich um Formulierungen, auf die man sich einigt und die ein ethisches Grundgerüst im alltäglichen Arbeitsleben darstellen, Verhaltensspielräume abstecken oder auch Zielorientierung vermitteln.  Soweit alles gut und schön.

Dann der Alltag…

Ich habe es mehr als einmal erlebt. Den Mitarbeitern werden Werte ans Herz gelegt; Einzelne, Gruppen oder bestimmte Hierarchie-Stufen im Unternehmen behalten  sich allerdings das finale Interpretationsrecht vor – situationsbedingt, unberechenbar. Oder Mitarbeiter interpretieren Werte aus einem speziellen Blickwinkel. Beispielsweise Wertschätzung: Wenn das Geschäft schlecht läuft oder wenn die Performance Einzelner nicht stimmt, müssen auch schon einmal Entlassungen ausgesprochen werden. Mitarbeiter begreifen diese Eingriffe in ihr Sozialgefüge oder die direkten Absagen an ihre weitere Mitwirkung immer als mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit. Da kann man noch so betriebswirtschaftlich argumentieren.

Dann gibt es da noch diese „Bist-Du nicht-für-mich-bist-du-gegen-mich-Situationen“ in zerstrittenen Teams, die sich mit ihren Argumenten aus dem Wertefundus bedienen. Eigenwillige Interpretationen darüber, was im Wertekanon erlaubt und nicht erlaubt ist, machen in solchen Situationen gerne die Runde und eignen sich vorzüglich, Konfliktgegner moralisch zu unterminieren. Werte sind eben keine absoluten Maßgaben, sondern hängen häufig ab von Kontext, Interpretation und letztlich auch von der Autorität desjenigen, der das letzte Wort hat. That’s life.

Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, sich Werte bewusst zu machen. Werte werden nämlich ganz besonders dann zu einem Spielball beliebiger Auslegung oder sogar Ausgrenzung, wenn das alltägliche Handeln im Widerspruch zum Wertegefüge steht. Beispielsweise, wenn Hierarchien autoritär gelebt werden, wenn leitende Mitarbeiter ihre eigene Leistung vor der Team-Leistung in den Vordergrund stellen, wenn man Abteilungen und Teams vernachlässigt, nicht mit Informationen, Infrastruktur und Unterstützung versorgt.

Werte sind wichtig. Aber wertbildend ist das Handeln. Handeln im Sinne des Unternehmens, berechenbar, transparent, diskussionsbereit, zielorientiert und mitunter – wenn es die Situation erfordert –  auch die Richtung vorgebend. Im täglichen Handeln verwirklichen sich Werte, verwirklicht sich Kultur. Kultur kommt aus dem Ist-Zustand. Sie lässt sich nicht verordnen und nicht herbeireden. Da fällt mir ein: darüber habe ich schon einmal geschrieben. Aber das ist auch schon länger her. Manche Themen sind ja echte Evergreens.

2 Gedanken zu „Werte

  1. AP

    Liegt es daran, dass ich älter werde? In der letzten Zeit kommen mir immer häufiger die Worte „Anstand“ und „Haltung“ in den Sinn, Begriffe, die so altmodisch klingen, aus der Welt der Großeltern zu stammen scheinen. Dennoch: manchmal wünschte ich mir, in unserer „Anything is possible“-Welt könnte man mehr darauf vertrauen, dass Werte nicht nur in Leitbildern und auf Plakaten stehen, sondern als selbstverständliche Grundhaltung gelebt werden.“Das macht man nicht“ könnte manchmal ein so befreiender Filter sein, auch in einer Firma.
    Aber vielleicht werde ich ja wirklich einfach nur alt…

  2. Karen Beitragsautor

    Danke Amei 🙂 Ich denke, dass es kaum einen Menschen gibt, der von sich behaupten würde, dass er oder sie keinen Anstand hätte. Dass erwachsenen Menschen immer wieder Werte auf Plakaten und Websites heruntergebetet werden, hat meiner Meinung nach nicht die Intention, erzieherisch wirken zu wollen und damit letztlich wieder paternalistisch-autoritäre Traditionen zu pflegen. Es geht eher um Bewusstmachung: Welche Handlungen repräsentieren überhaupt bestimmte Werte? Meistens agiert und reagiert man ja impulsiv, ohne darüber nachzudenken, was beim Gegenüber ausgelöst wird. In Unternehmen ist es häufig so, dass Manager zu wenig darüber nachdenken, wie sie wahrgenommen werden – vielleicht interessiert es sie nicht, vielleicht sehen sie sich zu wenig als Teil eines Ganzen und häufig ist es eine paternalistisch-autoritäre Unternehmenskultur, die einen Wert für sich bestimmt, nämlich: „Hier bestimme ich, also kontrolliere ich.“ Was natürlich Unsinn ist. Deshalb bin ich der Meinung, dass Unternehmenskultur aus dem realen Miteinander erwächst, mit realen Vorbildern und realen Maßnahmen. Will man den Sinn für Werte schärfen, braucht man selbstbewusste Teams, die ihre Standpunkte klar formulieren.

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