Homeoffice-Pipi

Wie Homeoffice schiefgehen kann. „Ich krieg‘ Pipi in den Augen.“ Dieser Satz stand letztens in einer Grässliche-Sätze-im-Job-Competition zwischen meiner Freundin Katja und mir ganz weit oben in der Gruselskala. Wer sagt denn sowas!? Apropos Gruselskala. Da hab‘ ich noch einen: „Wir bieten Homeoffice“. Das muss man sich so vorstellen:

Der CEO präsentiert das Unternehmen voller Stolz mir erklärend, dass man ja nun doch sehr modern sei – mit Großraumbüros und Homeoffice. Durch und durch flexibel. Flexibilisiert bis zum Umfallen gewissermaßen. Und das ist dann auch einigen Mitarbeitern passiert.

Homeoffice-Burnout

Ich erlebte mehrmals Homeoffice bedingte Burnouts in Teams. Ausgebrannt von mangelnder Abgrenzung der privaten und beruflich eingesetzten Zeit. Gefühlt, nicht faktisch, waren diese Kollegen 24×7 im Einsatz. Journalisten und andere Wissensarbeiter empfinden ohnehin häufig zwischen Frei- und Arbeitszeit eine Grauzone, in der Kreativität und Überzeugungstäterschaft wüten. Ganz zum Unverständnis übrigens offiziell agierender Gesundheitsschützer, welche Arbeitszeiterfassungssysteme ersinnen und unter Drohungen gesetzlich durchzusetzen versuchen. Auch eine Art von Überzeugungstäterschaft. Anderes Thema.

Neben diesem aufzehrenden Stand-by-Modus gibt es noch eine Teamwork-Problematik. Der Heimarbeiter in seiner ausgeprägtesten Form kreist nur um sich selbst, bekommt kaum noch etwas außerhalb seines direkten Wirkungskreises mit, schon gar nicht interessiert er sich für irgendwelche Firmenereignisse oder gar Veränderungsthemen. Aus Homeoffice-Perspektive wird das Unternehmen statischer wahrgenommen, als wenn man an gruppen- und sonstigen mehr oder weniger dynamischen Prozessen direkt beteiligt wäre. Homeoffice kann ein echter Change-Killer sein.

Der um sich selbst kreisende Heimarbeiter gelangt im Laufe der Zeit zu der Ansicht, dass er ganz allein den Laden schmeißt und alle anderen ihr Zeug irgendwie hinsuppen. Der Teufelskreis schließt sich.

Mehr Homeoffice = mehr Backoffice

Da mangels effektiver Interaktion in der Tat ziemlich viel „gesuppt“ wird, ist zusätzlicher Aufwand nötig, um den Laden am Laufen zu halten. Leute, die Termine überwachen, Humanschnittstellen reaktivieren, wenn diese zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, und die Kunden und Geschäftspartner immer wieder aus der Patsche helfen, wenn der Heimarbeiter gerade irgendwo auf der Leitung steht. Mit diesen Leuten will man nicht tauschen! Die haben nämlich nie Homeoffice. Mit anderen Worten: je mehr Homeoffice umso mehr Backoffice – auch das ist meine Erfahrung.

Cloud sei Dank!

Ein Unternehmen kann ohne Interaktion und direkte Kommunikation im Team nicht sauber funktionieren. „Ja wieso, das ist doch heute kein Problem mehr, es gibt doch Email und Internet“, höre ich den ausgedachten CEO schwärmen. Was er wohl nicht weiß: Email und Internet allein stellen keine Infrastruktur für dezentrales Arbeiten dar. Man stelle sich Email-Threads wie Kraken vor, verkopfte Dateiablagesysteme auf irgendwelchen offiziellen Servern und nicht offiziellen Cloudsystemen, man stelle sich vor, dass Mitarbeiter auf Google und Skype ausweichen, um die mangelnde technische Infrastruktur in ihrem Unternehmen zu überbrücken – man stelle sich an diesem Punkt alles Mögliche vor – an Datensicherheit und Privacy denken wir schon nicht mehr.

Ich bin immer ganz gerührt, wenn Mitarbeiter bei ihrer Einstellung unterschreiben müssen, dass sie das Internet privat nur in der Mittagspause nutzen und auch sonst keine Passwörter rausgeben. So etwas in der Art lassen sich ja viele Unternehmen unterschreiben. Lassen wir das, sonst bekomme ich Pipi in den Augen. Aber halten wir fest: Der Backoffice-Verantwortliche operiert inzwischen ebenfalls am Rande eines Burnouts.

 IHR wollt MIR meinen Homeoffice-Tag streichen? DAS GEHT NICHT!

Dann kommt der Tag, da laufen die Geschäfte schlecht. Vielleicht haben ein paar Terroristen irgendwas in die Luft gesprengt, vielleicht kriselt der Euro wieder, vielleicht bricht in China der Markt zusammen… es ist ja nicht immer vorhersehbar, dass man sich warm anziehen muss. Was passiert? Im Job wird der Ruf nach mehr Kontrolle laut. Man kann sich das so schön imaginieren: Geschäftsleitungssitzung im schlecht belüfteten Raum, der testosterongeschwängerte Panikschweiss (sorry Jungs, solange Ihr in der Überzahl seid…) angesichts der Umsätze mischt sich mit dem Gemöffel allmählich sich selbst aufrollender Leberkäs-Sandwiches, der CFO jammert, der Verlagsleiter zuckt betrübt die Schultern, der HR- und IT-Verantwortliche streichen ihre Projekte zusammen. Und der ausgedachte CEO verlangt prompten Arbeitsantritt zu bestimmten Uhrzeiten, und Homeoffice soll auch nicht mehr sein. Aktionismus pur.

Das ist interessant. War Homeoffice noch vor kurzem trendig und ungeheuer anstrebenswert (auch wegen der Formal Anzahl Arbeitsplätze – Anzahl ­ Heimarbeiter * Y = Quadratmeter * x = Büromiete), war Homeoffice gestern noch ein wichtiges Mosaikteil im innovationstouchheischenden Selbstbild der Unternehmensführung, ist es nun eine Ausgeburt einer Bequemlichkeitsdekadenz.

Tatsächlich scheinen einige Kollegen der Ansicht zu sein, dass man an Homeoffice-Tagen keine Termine wahrzunehmen hat, schon gar nicht außerhalb der eigenen vier Wände. Rechte und Pflichten im Homeoffice scheinen individueller Interpretation zu unterliegen – ähnlich wie der Einsatz der jeweils präferierten digitalen Arbeitsumgebung. Ich finde es eigentlich ganz natürlich, dass sich Mitarbeiter ihre eigenen Interpretationen erschaffen, wenn es keine Maßgaben gibt. Und diese Ausgestaltung ist selbstverständlich eher auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet. Alles ganz natürlich.

Jetzt kommt dann also einer „von oben“ um die Ecke und lässt ausrichten, dass jetzt Schluss mit lustig sei.

Nun aber AKUTER BURNOUT-ALARM im gesamten Team!!!!

Was soll man dazu noch sagen? Hilft nur lehrbuchartiges Runterbeten:

  • Homeoffice braucht Rahmenbedingungen.
  • Die funktionierende Team-Arbeit steht immer über den Bedürfnissen Einzelner.
  • Arbeitszeiterfassung und Leistungs-Selbstkontrolle sind gerade im Homeoffice wichtig.
  • Zeit- und Selbstmanagement-Bewusstsein sind Grundvoraussetzungen für Homeoffice.
  • Kommunikations-und Collaboration-Tools müssen adäquat sein.
  • Führung muss sich auch in Krisenzeiten an Vereinbarungen halten. Es ist die Qualität der Vereinbarungen, die ausschlaggebend dafür ist, ob dies möglich ist.
  • Wer das Unternehmen verändern will, sollte Homeoffice auf ein Minimum reduzieren. Veränderung findet nur statt über direkte, persönliche und vertrauensvolle Interaktion. Nicht über Verlautbarungen im Intranet. Und wenn das Unternehmen über kein Intranet verfügt, sollte es noch nicht einmal das Wort Homeoffice denken, sondern seine IT-Hausaufgaben erledigen.

2 Gedanken zu „Homeoffice-Pipi

  1. Sam Mueller

    Homeoffice als Synonym für «die gleiche Arbeit zu Hause am Küchentisch tun und dabei noch die kranke Tochter beaufsichtigen» ist selbstverständlich Blödsinn. Ich glaube und erlebe in Projekten hingegen regelmässig, dass der Arbeitsort der Team-Mitglieder schlicht keine Rolle spielt, so lange man a) Zuständigkeiten klar definiert hat, b) ein gemeinsames und allen bekanntes und einleuchtendes Ziel verfolgt und c) sich zumindest alle 2-3 Wochen einmal physisch trifft und austauscht.

    Gerade in grösseren Unternehmungen sind die Abteilungs-, Stockwerk- und anderen internen Barrieren oft wesentlich grösser, als eine Telefonverbindung in ein Homeoffice an Distanz zu schaffen vermag. Wichtig ist aber immer, dass das „home“ in Homeoffice nur was über den Ort aussagt, nicht über die Vermischung mit dem Privatleben. Man kann den Arbeitstag 10x pro Tag für Hausarbeit unterbrechen. Aber während der eigentlichen Arbeit braucht man Konzentration, egal wo man ist. Dazu gehören Kopfhörer, eine Tür oder ein Einzelbüro, das gilt für Bürogebäude, Grossraumbüros und für Privatwohnungen gleichermassen.

    Das schreibt einer, der selber oft bei Kunden an irgendwelchen verwaisten Pulten oder in Sitzungszimmer-Vorräumen, zwischen den Terminen in Cafés und eben auch oft im Homeoffice arbeitet — der ausserdem regelmässig an Werktagen Kinder betreut und dafür die Arbeit konsequent niederlegt.

    So, just my two cents…

  2. Karen Artikelautor

    Danke, Sam, für diese Perspektive – welche ich aus meiner Vergangenheit in diversen Projekten und Online-Redaktionen ebenfalls teile. Es gibt „Projektmenschen“, die schaffen an ihren Themen und haben die nötige Disziplin. Für viele Journalisten, Grafiker, Programmierer, Marketeers, Berater – eben Wissensarbeiter – ist das flexible Third-Place-Working sogar Teil ihres Selbstverständnisses als Professional. Ich finde flexible Arbeitsformen auch anstrebenswerter, sofern es funktioniert. Betrachtet man aber eine Organisation als Ganzes, dann bin ich aus Perspektive der Steuerungsverantwortlichen häufiger über die beschriebenen, zum Teil schwerwiegenden Probleme gestolpert. Gründe liegen dann darin, dass man trotz grossartiger Colaboration- und Kommunikationstools aus dem Sichtfeld der Kollegen geraten kann – eine Vereinzelung, die schwerwiegende Folgen haben kann, aber natürlich nicht muss. Ganz klar. (Sorry noch für die verspätete Beantwortung Deines Kommentars. War im digitalen Niemandsland.)

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