Entkernung

Sanfte Veränderung erfordert nachhaltiges Handeln. Stattdessen geben sich Digital-Verantwortliche die Klinke in die Hand. Ich habe heute einen guten Teil des Vormittags damit verbracht, dabei zuzuschauen, wie ein Haus entkernt wurde (kostbarer Müssiggang!), also  Abriss bis auf die Fassade. Hübsche Parabel für Veränderungen im Unternehmen, dachte ich. Dann legte ich das Thema vorübergehend beiseite, denn…

…man kann Medien-Unternehmen nicht entkernen, sind doch die tragenden Säulen eines Verlages seine Mitarbeiter. Sie steuern und schaffen die Qualität, die erfolgreiche Produkte auszeichnen. Im Medienumfeld bilden die persönlichen Bindungen der Redaktionen, Verkaufsteams, Sachbearbeiter und Verlagsmanager in den Markt die DNA. Die Mitarbeiter sind die Identität des Unternehmens.

Entkernung würde bedeuten, dass man das Unternehmen aushöhlt, dass Wissen abwandert, dass sich Kundenbeziehungen auflösen. Das wissen die Mitarbeiter. Darauf ruhen sie sich aus.*

So verfallen Verwaltungsräte und Führungskräfte in eine Art Starre, während sich Disruption wie ein Schwamm ins Business-Fundament saugt. Es muss sich etwas ändern – nur… wer erledigt den Job? Dies ist der Moment für „frisches Blut“. Es werden Digital-Manager und ähnliche Profile ins operative Team geholt. Personifizierte Presslufthammer. Und die „ausgeruhten“ Mitarbeiter? Kränkung, Burn-out, schlechte Stimmung, die nach draussen dringt. Das macht es einem als Vorgesetzten dann besonders leicht, sich von solchen Mitarbeitern zu trennen. Self-fulfilling prophecy.

Stürzt das Unternehmen deswegen ein? Sicher nicht! Allerdings eine besonders gute Figur macht es vorübergehend auch nicht. Eine richtige Baustelle eben. Damit muss man leben können. Darauf muss man sich vorbereiten, man mache sich nichts vor. Nun aber Überraschung –  die wenigsten Inhaber und Verwaltungsräte können mit einer Baustelle leben. Eher trennt man sich vom leidigen Presslufthammer (just a prophecy) und die schwammigen Wände werden nochmals übertüncht mit der einen oder anderen „guten New-Business-Idee“. Dies lässt sich dann beliebig oft wiederholen. Eine neue Qualität erwächst daraus nicht. Aber im Vorgarten sieht es immer noch gut aus, während sich die Baustelle hinter den Fassaden auftürmt.

Schöner wäre es im Übrigen, wenn eine Entkernung gar nicht erst notwendig wäre. Wenn Flexibilität und Umnutzung in der Architektur berücksichtigt wären.

Wie kann man sich das in einem Verlag vorstellen? Hier einige Thesen zur Abbruchprophylaxe:

  • Neuralgischer Punkt: die Kundenbeziehungen – sie werden von niemandem exklusiv unterhalten, jeder Know-how-Träger wird in einer anderen Person oder in einem Team gespiegelt. Alle Kundenaktivitäten werden mit einem einheitlichen CRM über sämtliche (!) Kanäle erfasst.
  • Es wird eine permanente Veränderungskultur eingeübt und gepflegt (das komplexeste unter diesen Themen). Empfehlenswert an dieser Stelle ist eine Generalentschlackung – raus mit überflüssigen Prozessen! Regelmässig wiederholt, trägt dies zur Change-Fitness bei. Ein wohltuender Nebeneffekt tritt ein, wenn gleichzeitig Hierarchiestufen abgebaut und Eigenverantwortung der Mitarbeiter gestärkt würden. Vorsicht! Das ist leicht gesagt, in Wahrheit jedoch eine Übung für Fortgeschrittene.
  • Aufsichtsratsgremien sollten digitale Kompetenz aufweisen (das Notwendigste unter diesen Themen)

*Diese Behauptung ist viel zu pauschal. Ich habe es auch schon häufig umgekehrt erlebt: Die Mitarbeiter wollen, dürfen aber nicht.

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