Kongress der Deutschen Fachpresse 2016 – Duzis* mit der digitalen Welt

Fachmedien & Digitalisierung – noch eine zaghafte Romanze mit rotwangiger Fremdelei.

DuzisMeist feiern sich Branchen bei Jahresanlässen selbst, warum auch nicht, soll ja erlaubt sein. Dazu werden gerne auch Promis platziert, deren Anwesenheit garniert wird mit dem einen aufmüpfigen Blogger oder anderen halbwahnsinnigen Zukunftsvisionär. So ist der Rahmen geschaffen für ein Plauderthema auf der „After-Show“-Party, auf der in der Hauptsache dann alles Neue mit den dunklen Vorahnungen der Bestandswahrungslobbyisten überzogen wird.

So ähnlich, allerdings ohne Promis, war das früher auch bei der Deutschen Fachpresse. Heute kann die Branche über das Lametta von gestern schmunzeln…

…und tatsächlich wurde sogar beim diesjährigen Kongress der Deutschen Fachpresse in einem Beitrag von der Bühne herunter geduzt, und zwar in einer Session, in der sich Start-ups präsentierten. Backfischartiges Getuschel im Auditorium, durchaus wohlwollend und flirtbereit.

Noch vor ein paar Jahren präsentierte sich das Auditorium missgelaunt, wenn die Fragen nach „dem neuen digitalen Geschäftsmodell“ – einer Art Killerapp der Fachinformationsanbieter – nicht beantwortet wurden.

Der Ausdruck „open minded“ beschreibt diese neue Attitüde wohl ganz gut. Man hat verstanden, dass sich Verlage grundlegend wandeln müssen; dass neues Geschäft nur zu erzielen ist, wenn man sich durch Experimente hangelt, ITler einstellt, Projekte professionell managed und lernt, Flops schnell zu verdauen. Organisation und Methoden müssen einer anderen Dynamik genügen. Erwartungshaltungen haben sich einer digitalen Wirtschaft angepasst.

Angekommen sind die Fachverlage noch nicht. Denn der Markt hat sich schneller gewandelt, als seine angestammtesten Dienstleister in der Lage waren sich anzupassen. Mit der Digitalisierung – so hat beispielsweise Gerrit Klein (Ebner Verlag) anschaulich ausgeführt – geht es nicht mehr in erster Linie um Produkte. Es geht um Lösungen für Zielgruppen, um Informations- und Kommunikationsdienstleistungen, die Kanäle bündeln können, wo es früher diverse Produkte in diversen Kanälen diverser Anbieter gab, welche sich voneinander abgrenzten. Heute wollen Informationskampagnen inszeniert werden: Contentstrategien konzipiert, Inhalte multichannel distribuiert und Zielerreichungsindikatoren getrackt werden. Um dieser Komplexität zu genügen, muss noch viel bewegt werden in den Verlagen. Und so bleibt Raum für neue Konkurrenten – seien es Contentagenturen, neue Publisher, Software-Entwickler oder Eventanbieter. Der Ruf nach Kooperation war deutlich zu vernehmen.

Trotz aller Freuden agilen Projektmanagements bleibt die IT ein wunder Punkt, welchen Aljoscha Walser auf Basis der Ergebnisse einer Umfrage bei digitalen Mediendienstleistern zur eitrigen Wunde deklarierte. IT-Infrastruktur und Entwicklung sind beachtliche Kostenpunkte. Sparen an der Ausbildung des Personals und mangelnde Prozesseffizienz helfen nicht gerade dabei, diese Kosten unter Kontrolle zu behalten.

Ach ja: „Agil“. Selten habe ich in zwei Tagen ein Wort so häufig gehört. Was genau darunter verstanden wird, lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Meetings im Stehen, viele Dinge auf Post-its schreiben, trendige Software wie Trollo oder Slack benutzen, eine Projektliste führen und viele Protrotypen bauen.

Klar, das ist albern. Agiles Projektmanagement legt sich zwar nicht auf eine einzige Methode fest, aber immerhin gibt es Methoden, die es lohnen, dass man sich eingehender und professionell damit befasst. Agiles Management setzt auf Eigenverantwortung, Initiative, Teamorientierung – definiert Prinzipien der Führung auf Basis eines modernen Menschenbildes, welches auf der Annahme intrinsischer Motivation beruht. Agilität ist eine Führungs- und Unternehmenskultur und kein Wundermittel zum gelegentlichen Einsatz. Das musste ich doch noch schnell gesagt haben.

*http://www.duden.de/rechtschreibung/Duzis

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