Da sucht ein Medienhaus einen Digital-Kopf

Ein Stelleninserat erzählt, warum ein Unternehmen keinen Erfolg hat. Es beginnt ganz harmlos mit einem Haufen orthografischer und grammatikalischer Fehler auf übersichtlicTshirthen 1‘300 Zeichen Text, mit dem nach einem „Digital Head“ für ein Medienhaus gefahndet wird. Nicht schlimm, aber in einem Stelleninserat für ein Medienhaus zum Fremdschämen. Auch die penetrante Duz-Form vermittelt nicht gerade den Eindruck eines hochwertigen Jobangebots. Ich meine, mit Duz-Anzeigen sucht man Praktikanten, keine Fachkräfte, denen man etwas zutraut. Wozu auch? Es genügen dem Inserenten auch nur 1-3 relevante Erfahrungsjahre nach dem Studium, um für dieses Medienhaus (ich paraphrasiere) …

  • … alle Online-Angebote inklusive der sozialen Netzwerke zu leiten (was heisst „leiten“?)
  • … die Online-Strategie zu definieren (übersetzt: Business-Development, aber auf welcher organisatorischen Ebene?)
  • … die digitalen Angebote zu entwickeln und zu optimieren (das ist wohl mit „leiten“ gemeint, soweit verständlich)
  • … die Reichweite inkl. SEO zu entwickeln („inkl. SEO“ kommt immer gut in Anforderungsprofilen, als ob es sich um eine Geheimwissenschaft handle. Aber ich will nicht meckern, ich habe meinen ersten Job auch bekommen, weil ich die Serienbrieffunktion von Word 5 beherrscht habe – was ähnlich banal ist wie SEO für Texte)
  • … Online-Kampagnen zu konzipieren, steuern und umzusetzen (ob es sich um Eigen- oder Fremdkampagnen handelt, bleibt im Dunkeln)
  • … Launches zu steuern (von Projektmanagement ist keine Rede)
  • … den Markt zu beobachten (ich glaube kaum, dass dazu noch Zeit bleibt)
  • … laufend Nutzungsarten und Trends zu integrieren (jetzt wird Strategie durch Betriebsamkeit ersetzt)
  • … die Monetarisierung der Inhalte zu steigern (wozu braucht es dann noch eine Strategie? Damit lässt sich kein Digitalkopf finanzieren!)
  • … verantwortlich zu sein für Timing, Budget und Qualitätssicherung (jetzt aber Überraschung)
  • … das Team (was immer das ist) zu leiten und sonstige Kontakte zu koordinieren.

So. Das ist ja eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass die gesuchte Person anscheinend nichts von Geschäftsmodellen, Medienmärkten, Projektmanagementmethoden, Business-Development, Branchen, Kunden, User-Research, One-to-One-Marketing oder Online-Redaktion wissen muss. Wissen sollte der potenzielle Bewerber gemäß Anforderungsprofil…

  • … was digital ist und wie Online-Marketing funktioniert (das wäre schon mal eine gute Grundlage für den Jobtitel „Digital Head“)
  • … wie man einen guten Uni- oder Fachhochschulabschluss macht (schwierig, schwierig, gute Leute erkennen Unsinn, wenn er ihnen begegnet)
  • … wie man analytisch und unternehmerisch denkt (echte Akademikerqualitäten, vor allem das zweite)
  • … was die aktuellen digitalen Trends und Technologien so sind (ja, wäre doch ganz schön, aber es gibt eine ganze Meeeeeenge)
  • … wie man genau mit Analytics- und SEM-Tools umgeht (Voodoo-Alarm!)
  • … was Verantwortung und Qualität ist (am besten gleich ein T-Shirt mit der Aufschrift „ich bin an allem schuld“ mitbringen)
  • … und welche Eigenschaften so dazu beitragen könnten, den ganzen Wahnsinn zu überleben, also Flexibilität, Einsatzfreude, hohe Belastbarkeit, Durchsetzungsstärke, Organisationstalent (ja, da fällt mir bald auch nichts mehr ein)

 

Mit dem Inserat wird der „Killer-Performer“ unter den digitalen Medienmanagern gesucht, was legitim ist. Komplexität ist nun mal ein Aspekt des digitalen Business im Vergleich zum traditionellen Printbusiness. Die organisatorische Verankerung bleibt im Dunkeln und wesentliche fachliche Skills werden nur implizit aufgeführt – eine Verschwommenheit, welche nicht gerade Ausdruck von Managementkompetenz des Inserenten ist.  Das gesuchte Multitalent sollte darüber hinaus möglichst günstig sein und offensichtlich die Arbeit erledigen, die andere Angestellte dieses Medienunternehmens nicht machen oder lernen wollen; anders kann ich mir nicht erklären, warum der Job gleichzeitig kleinteilig und bruchstückhaft beschrieben wird. Weder der User noch der Werbekunde werden andeutungsweise erwähnt. Leider eine schlechte Gewohnheit vieler Medienhäuser, die echte, konsequente Kundenorientierung verloren haben. Es geht hier um irgendein Online-Dings in irgendeinem Markt – B2C oder B2B ist ja auch egal –  mit irgendwelchen Angeboten, die irgendwie Kohle aus „Content-Monetarisierung“ bringen sollen. Ich befürchte, dieses Medienhaus ist doch eher ein Medienhäuschen, das noch ganz viel lernen muss. Oder ein Auslaufmodell.

 

 

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