Enspiral – eine partizipative Organisation

Neue Rezepte für eine Organisation von Morgen. “Eine Organisation zu entwickeln, ist wie Kochen. Einige Rezepte sind nicht mehr zeitgemäss. So haben wir angefangen, die Zutaten zu analysieren.“ enspirallogo(Silvia Zuur von Enspiral, Meet-up Zürich Impact Hub, 21. September 2016.) Die Zutaten: Minimal Viable Board, dezentrale Führung, kollaborative Budgetierung, 100% Transparenz.  Die Köche: Ein Netzwerk von Unternehmen, Freelancern und Aktivisten.

Das 2010 gegründete neuseeländische Netzwerk Enspiral mit dem Claim: Working on stuff that matters basiert auf selbständigen Unternehmen (Ventures) sowie ca. 250 Freelancern und Aktivisten, die sich über das Netzwerk gegenseitig unterstützen, gemeinsam Projekte realisieren und sich sozial engagieren.

Die Teams setzen sich aus IT-Spezialisten, Designern, Juristen, Betriebswirten und diversen anderen Berufsgruppen zusammen; sie entwickeln virtuell, in Colabs oder auf gemeinsamen Retreats Ideen und Projekte. Eine Schnellzusammenfassung über Enspiral gibt dieses Video.

Die Enspiral Valuenspiralueberblickes umfassen Integrität (Vertrauenswürdigkeit, die Ensprial-Werte teilend), Purpose (dem guten Zweck dienend), Commitment (Hingabe zu Enspiral), Generosity (Bereitschaft, sich finanziell oder mit Arbeitskraft einzubringen), Good Judgement (verlässliche Urteilsfähigkeit), Leadership (Eigeninitiative), Engagement (Partizipation an Entscheidungsprozessen und Diskussion) und  Collaboration (Zusammenarbeit mit anderen). Die genauen Umschreibungen sind nachzulesen im Enspiral-Handbook. Dieses Handbuch beschreibt die Organisation des Netzwerks, seine Entscheidungsgremien, Prozesse, Agreements, Tools und Dokumentationen. Es wird ständig fortgeschrieben, denn die Organisation ist work in progress. Sie wird kollektiv entwickelt, beschlossen und erneuert – entsprechend den Werten des Netzwerkes.

Aufbau des Enspiral-Netzwerks

Kern des Enspiral-Netzwerks ist die Enspiral Foundation, deren Zweck die Förderung sozialen Unternehmertums ist. Trotz ihrer gemeinnützigen Ausrichtung ist sie als Ltd. aufgestellt, womit gesetzlich verankerten Anforderungen an die formale Organisation genügt werden muss. Da Enspiral die Aufgaben Vision, Strategie, Leadership so weit wie möglich in der Verantwortung des Netzwerkes belassen will (im Gegensatz zu üblichen hierarchischen Organisationsformen), wurde einem Minimum Viable Board (MVB) die Aufgabe übertragen, lediglich den notwendigen gesetzlichen Anforderungen nachzukommen. Dazu gehören Sicherstellung der gesetzlichen Reportingaufgaben, Überwachung der Liquidität, Überwachung der Einhaltung vertraglicher Vereinbarungen mit der Ltd., Berichtspflicht gegenüber den Netzwerkmitgliedern, Kontrolle der Einhaltung des Diversity-Agreements, Entscheidungsbefugnisse in Notfallszenarien.

Im inneren Kern besteht das Netzwerk aus Members (=Shareholders). Nur Members können neue Members ernennen. Die Geschäftsführung im juristischen Sinne besteht aus drei Direktoren, die von den Members mit 75% Zustimmung gewählt werden müssen.

Darüber hinaus gibt es Contributors (welche an Entscheidungen beteiligt sind) und Friends, die das Netzwerk im weitesten Sinne fördern.

Führungsfunktionen auf Zeit werden von Catalysts übernommen. Catalysts können Members oder Contributors sein, die von Members ohne Mehrheitsentscheidungen ernannt werden können. So soll gewährleistet werden, dass Führungsaufgaben auch von Minderheiten erbracht und neue Perspektiven ermöglicht werden. Catalysts haben die Aufgabe, Initiativen und Funds anzuschieben, zu prüfen und die Finalisierung der entsprechenden Projekte zu gewährleisten.  Contributors können mit Catalysts uneinig sein und ein Funding ohne Begleitung eines Catalysts beantragen – solange sie Review zulassen. Die Geschäftsführung delegiert die strategische Führung an Catalysts. Catalysts sind für die Überwachung der Buckets – das sind Projektbudgets – verantwortlich.

Kollaborative Budgetierung

Geld fliesst aus verschiedenen Quellen in das Netzwerk: Firmenbeiträge, Spenden, frei festlegbare Contributor-Beiträge. 50% der Einnahmen wird in die Enspiral Reserve zur Deckung fixer Kosten und Sonderausgaben gelegt. 50% fliesst ins kollektiv verwaltete Budget, welches mit dem Tool Cobudget verwaltet wird. Alle Contributors können mit Cobudget Funds für ihre Projekte sammeln (Buckets). Vom Netzwerk unterstützte Buckets müssen innerhalb von 90 Tagen finalisiert werden, sonst werden sie gelöscht. Ausnahmen sind möglich, wenn Catalysts oder Bucket-Sponsoren diese vereinbaren. Wenn ein Bucket nach dem Funding gelöscht wird, wird das entsprechende Budget in die Reserve des Netzwerkes gelegt.

Entscheidungen

Es existieren verschiedene Entscheidungsprotokolle.  Für formale Entscheidungen sieht Enspiral einvernehmliche (Consensus) Beschlüsse vor, bei denen zwar nicht alle Beteiligten einer Meinung sein müssen, sich aber zumindest mit getroffenen Entscheidungen arrangieren können. Entscheidungen werden mit dem Tool Loomio transparent abgestimmt. Jeder im Netzwerk kann formale Entscheidungen einfordern, diese umfassen die Bereiche: Agreements (Regeln der Zusammenarbeit/Prozesse), Einsatz von Logo und Marke, Funds, Tools, Zusammenarbeitsentscheidungen mit Personen, Institutionen etc.

Entscheidungen können auch blockiert werden, wobei ein neuer konstruktiver Entscheidungsprozess in die Diskussion gebracht werden sollte. Enspiral-Mitglieder sind aufgefordert, Entscheidungen vorausgehende Diskussionen auf verschiedenen Kanälen – nicht nur in Loomio zu führen, also auch in Video-Konferenzen, persönlich oder anderen Collaboration-Umgebungen).

Mentoring

Jedem Contributor wird ein Steward zur Seite gestellt, Catalysts werden 3 Stewards, welche Members sind, zugeordnet. Ein Steward kümmert sich um die Beziehung seines Schützlings zu anderen, gibt Hilfestellungen. Ein Steward sollte mindestens einmal im Monat persönlichen Kontakt aufnehmen.

Tiefer graben

Dies war nur ein Abriss über das Experiment einer partizipativen Unternehmung bei Enspiral. Ich empfehle jedem, der über kollaborative Organisationsformen nachdenkt, die Lektüre des Handbuchs, das im Übrigen jede Menge nützliche Tipps über Diskussionskultur, Entscheidungskultur, innere Haltung und technische Tools vermittelt.

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