Frankfurter Buchmesse 2019: Pommes Schranke & Allgäuer Biobauern

‘Erschieß sie endlich und lauf dann schnell weg!‘ Das ist ein guter erster Satz.

Wörtliche Rede zum Einstieg funktioniert immer. Der erste Satz, ganz wichtig. Das Einzige, was ich mir in dem einen Schreibseminar, das ich je besucht habe, merken konnte. Da steckt alles drin. Hier eben ein Filmdreh.“ Stochern in den Pommes, auf die es leise niederrieselt. Herbststimmung auf der Frankfurter Buchmesse. „Herzschmerz geht ja am besten. Erst ein gewöhnlicher Beziehungskonflikt: Beide im mittleren Alter, Kinder schon erwachsen und im Job top, alles sorgenfrei. Seit Jahrzehnten ein tolles Paar, plötzlich Trennung mit viel Drama… So, und dann stellt sich langsam raus, dass er ein ganz cooler Typ ist: kernig, couragiert… Biobauer aus dem Allgäu oder so. Der Biobauer lernt dann jemand Neuen kennen, aber alles etwas kompliziert. Geht immer, der Aufbau.“ Beifälliges Nicken und Wälzen der Pommes im Ketchup-Mayo-Mix. „Aber Du musst mit Frauennamen schreiben. Ich hab‘ ja das Pseudonym Magdalena Moser.“ Anerkennendes Schulterklopfen am 120-kg-Mannsbild. „Ja, das bringt‘s. Und alle zwei bis drei Monate Nachschlag mit dem nächsten Buch. Nie abreißen lassen, sonst sind Deine Leser weg. So einen Herzschmerzroman schreibe ich in vier Wochen, letztens auch ganz spontan während meines Urlaubs mit meiner Frau auf Sylt. Ich meine, es gibt ja viele Inseln… Amrum, Pellworm, Wangerooge… Aber Sylt, das kennt jeder, kann jeder was mit anfangen. Und dann ein bisschen was Regionales reinbringen. Hab‘ tolle Kommentare dazu bekommen. ‚Kennst Dich ja aus… wie dort geboren‘ und so. Dabei hab‘ ich nur ganz wenig gemacht. Ist unter Euch ein Raucherhasser?“

Inzwischen hatte ich meine letzten Pommes verdrückt, und es gab ja angesichts der drohenden Nikotinattacke auch keinen Grund mehr, die unterhaltsame Selbstverlegerrunde auf der Agora der Frankfurter Buchmesse zu belauschen.

Szenenwechsel. Halle 3.1, Halle 4.1, Halle 6.1. Fieberhaftes Ablaufen wohl bewunderter Verlagshäuser auf der Suche nach dem Besonderen. Buchkunst, so freue ich mich, hat heute einen hohen Stellenwert… Das Buch vermittelt Nachhaltigkeit, ja ist ein Luxusgut, das unsere feinen Sinne für Hochwertigkeit und Kultiviertheit unterstreichen darf. Noch immer treffe ich auf Verleger, die mit fast aufopfernder Überzeugtheit ihre Titel in den schwächelnden Kreislauf von Novitäten- und Backlist-Umsatz schicken. Bei aller Liebe frage ich mich doch häufig auch, woher die Käufer für das riesige Angebot kommen sollen. Nicht nur der schwerverliebte Allgäuer Biobauer begnügt sich heutzutage mit einer rein digitalen Präsenz seiner Geschichte. Aber jedes gedruckte Buch, das diesen unbedingten „Will-ich“-Impuls auslöst, hinterlässt noch dieselbe bewundernde Freude wie in vordigitalen Zeiten.

Bei den großen Lizenzgebern summt es immerhin wie in einem Bienenstock, von herbstlicher Flugmüdigeit im Nachhaltigkeits-Mainstream keine Spur: Viele Bücher über Eislandschaften, Wölfe, Tiefsee, Bäume, Dekorieren, Meditieren und gesundes Essen. Die Nischentitel werden weniger trotz Titelflut.

Die Branche rückt enger zusammen, räumlich deutlich sichtbar in der Zusammenstellung der Hallen: So wirkt die Mixtur der Verlage etwas überraschend. Nach einigen Jahren noch immer rätselhaft sind mir die Show-Küchen-Aktivitäten. Warum verlegt man die Buchmesse nicht in die Grüne Woche? Das gäbe vielleicht einen passenden Zielgruppen-Match. Wie in der Branche nicht anders zu erwarten, geht der Genuss ja nicht nur durch den Kopf, sondern auch gerne durch den Bauch, wenn möglich noch verstärkt von gutem Wein, schafft er doch die idealen Voraussetzungen für nützliche Geistesblitze. Diese Kombination hat schon immer gut gepasst und wird gern angenommen, während sich alles Digitale wiederum weiterhin schwer tut in einem abgezirkelten Kreis von KulturjournalistInnen etablierter Medien und VerlegerInnen, die sich zum Teil noch in einem kulturellen Referenzrahmen der neunziger Jahren bewegen. Jenseits dieses Zirkels bestimmt eine jüngere Erwachsenen-Generation den kulturellen Stellenwert des Mediums Buch auf ihre Art, entwickelt eigene Projekte und Kommunikationsformen über und mit Büchern, zum Beispiel Patrizia Schlosser mit ihrem Podcast „Im Untergrund“, zu dem nun ein Jahr später auch das Buch erschienen ist.

Das Büchermachen hat zwar mit Digitalisierung an sich relativ wenig zu tun, sehe ich einmal von elektronischem Publishing ab; alle Formen der Kommunikation über das Buch sowie seine medialen Varianten haben allerdings sehr viel mit einer modernen, digitalisierten Realität zu tun und sind inzwischen relevante Facetten in der „Bewirtschaftung“ eines Buchinhalts. Magdalena Moser versteht dies hervorragend. Zu gerne würde ich das Interview auf dem Blauen Sofa mit ihm erleben und mehr über seine sensiblen Schaffensprozesse erfahren. Dazu lecker Pommes Schranke und ein Bier.

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